BTI-Grünberg: Leistungssport, Schule und erste WG

Aline Stiller, Elisabeth Dzirma und Carla Bellscheidt sind die ersten „Vollzeitbetreuten“ des Teilzeit-Internats Grünberg
Von Benjamin Gössl
GRÜNBERG. Schuhe bitte ausziehen, prangt auf dem Schild an der Wohnungstür. Also, Schuhe aus und rein in die gute Stube, in das Reich von Carla, Elli und Aline. Die drei jungen Mädchen wohnen seit rund zwei Wochen in einer Wohngemeinschaft. So weit nichts Besonderes. Aber sie verbindet mehr als die gemeinsame WG. Die drei 16-Jährigen sind die Ersten, die im Grünberger Basketball Teilzeit Internat (BTI) das Angebot der Vollzeitbetreuung wahrnehmen. Sie wohnen, kochen und trainieren zusammen.

Seit dem 1. August hat das BTI sein Repertoire erweitert. „Das ist in Hessen einzigartig. Es gibt sonst kein Vollzeitsportinternat für Basketball“, erklärt Ebi Spissinger, der sportliche Leiter. In der Gallusstadt haben sie sich auf die Förderung von Mädchen- und Frauenbasketball spezialisiert. „Unser Standort ist sicherlich eine Stärke“, so Spissinger, „wir können die gesamte Basketball-Pallette anbieten.“ Mit der U17 ist Grünberg mit dem Team Mittelhessen in der Bundesliga vertreten, die erste Grünberger Damenmannschaft spielt in der 2. Bundesliga und mit dem Erstligisten BC Marburg besteht ein Kooperationsvertrag, attraktive Perspektiven für die Internatsschülerinnen sind also gegeben. Auch die für den Nachwuchs zuständige Bundestrainerin, Alexandra Maerz, lobt: „Grünberg ist ein wichtiger Standort. Wir vom DBB wollen die spielerischen Konzeptionen in die Vereine tragen und das ist hier gegeben.“

Die Wohnung der drei Nachwuchstalente, deren Finanzierung von den Eltern getragen wird, liegt ein wenig versteckt in einer Seitenstraße. Im zweiten Stock des Hauses haben die Mädchen eine Vierzimmerwohnung bezogen. Ihre Zimmer haben sie sich schon eingerichtet, auch der Putzdienst ist schon eingeteilt. „Bisher macht es echt Spaß“, sagt Aline Stiller. Sie ist aus Weiterstadt nach Mittelhessen gezogen, um sich komplett dem Basketball zu verschreiben. Genau wie ihre Mitbewohnerinnen Carla Bellscheidt, die aus Essen kommt, und Elisabeth Dzirma, die aus Mühlheim am Main stammt.

„Wir verfolgen das Model ‚betreutes Wohnen’“, erläutert Birte Schaake, die Geschäftsführerin, Lehrerin und Trainerin in Personalunion ist. Betreutes Wohnen, weil im Untergeschoss des Hauses Familie Schäfer lebt. Armin und Ilka Schäfer sind sozusagen die Herbergseltern. „Beide schauen mit, das alles rund läuft“, sagt Schaake. „Sie kaufen auch schon mal für uns ein“ , fügt Carla hinzu.

Denn Zeit bleibt wenig, die Tage sind straff durchorganisiert. Der Fahrdienst holt die Nachwuchstalente, die alle drei bereits in der U16-Nationalmannschaft spielen, morgens ab und bringt sie in die Theo-Koch-Schule (TKS). Dort steht der normale Unterricht mit Altersgenossen auf dem Programm. In den Freistunden steht dann aber wieder der Basketball im Mittelpunkt. „Die Stundenpläne sind so organisiert, das zum Teil auch schon vormittags Individual- oder Athletiktraining stattfindet“, beschreibt die Geschäftsführerin den Tagesablauf.

Hier kommt dann ein weiterer Eckpfeiler des gesamten Konzepts zum Tragen. Denn die TKS und Schulleiter Herbert Stündl stehen hinter dem Projekt. „Das ist ein wichtiger Anker“, sagt Spissinger, „die Schule nimmt die Ausfallzeiten in Kauf, hat ein offenes Ohr für Leistungssport.“ Auch die Schule profitiert von den sportlichen Schülern. Die Zusammenarbeit mit dem Internat trägt Früchte. Die TKS ist „im Bereich Basketball eine der erfolgreichsten Sportschulen in Deutschland“, fügt Birte Schaake hinzu. Die sportliche und pädagogische Verzahnung ist den Verantwortlichen des BTI besonders wichtig. Es besteht eine Hausaufgabenbetreuung und die Schule verfügt über eine volle Lehrertrainerstelle.

Nachdem die schulischen Aufgaben erledigt sind, steht für die Nachwuchsspielerinnen das Mannschaftstraining auf dem allabendlichen Programm. Alle drei sind sowohl im Team Mittelhessen in der U17-Bundesliga aktiv, als auch in den Damenteams vom TSV Grünberg.

„Wir trainieren jeden Tag“, sagt Elisabeth, die sich mit ihren zwei Mitbewohnerinnen gut versteht. Nach dem Training schauen die drei manchmal noch zusammen Fernsehen. „Dann gehen wir immer zu Carla ins Zimmer“, sagt Aline. Probleme gab es bisher in der Wohngemeinschaft noch nicht, selbst die Zimmereinteilung vor dem Einzug verlief reibungslos. Zusammenleben auf engem Raum sind die Sportlerinnen von den vielen Wettkämpfen gewohnt. „Aline und ich haben uns auch bei der Nationalmannschaft ein Zimmer geteilt“, sagt Carla.

Und bei einem sind sich die drei Mädels sowieso einig: Bevor die Wohnung betreten wird, bitte die Schuhe ausziehen.

Gießener Anzeiger